Flucht und Flüche
Geschrieben von: Frank Enzenauer   
Montag, den 03. September 2012 um 09:40 Uhr

Babbel-230612-2Hoffenheim deprimiert beim 0:4 gegen Eintracht Frankfurt seine Fans mit der höchsten Heimniederlage der Bundesliga

Es war ein schwarzer Samstag, mit Blackouts und technischen Problemen in allen Bereichen. Auf der Anzeigetafel wurde beim Einblenden der Zwischenergebnisse der falsche Schalke-Gegner angezeigt (Fürth statt Augsburg), in Arbeitsräumen des Sinsheimer Stadions fiel das Internet aus, Statistikzettel konnten nicht ausgedruckt werden – und das Schlimmste: die Europapokal- Träumer der TSG 1899 Hoffenheim zwangen mit ihrem Pannenkick die Zuschauer zur Massenflucht. Das 0:4 unmittelbar vor Toresschluss durch einen Kopfball von Martin Lanig, nachdem Hoffe-Keeper Tim Wiese an einer Flanke von Bastian Oczipka vorbeigeflogen war, erlebten Tausende nicht mehr. Sie waren einfach gegangen. Konnten nicht mehr hinsehen. Schüttelten den Kopf. Fluchten laut und derb. Zum Schämen war’s. Nullvier! Die Hoffenheimer Spieler deprimierten ihre Fans mit der höchsten Heimniederlage in der freilich noch jungen Bundesliga-Geschichte der Turn- und Sportgemeinschaft.

Höhnisch applaudierten die Stehplatz-Freunde in der Bierkurve beim vierten Frankfurter Treffer, zuvor hatten sie schon aus Protest ihre Unterstützungsgesänge eingestellt und die blau-weißen Fahnen eingerollt. Mit verschränkten Armen schauten sie die Verlierer an, eine Geste der Ablehnung, als Alexander Meier sieben Minuten vor Schluss mit einem Strafstoß das dritte Tor des Nachmittags erzielte. Die TSG 1899 hat weiteres Vertrauen verspielt. Nicht mal ausverkauft war die Rhein- Neckar-Arena, trotz eines Derbys im ersten Ligaheimspiel mit zahlreichem Eintracht-Anhang. Und dann dieses Frustspiel! Die Stimmung ist im Keller.

Schier Unglaubliches geschah: die Wiederholung der lächerlichen 0:4-Pokalniederlage beim viertklassigen Berliner Athletik-Klub. Wie zwei Wochen zuvor blieben die Hoffenheimer auch gegen Aufsteiger Eintracht Frankfurt wehr- und ehrlos nach dem Rückstand, die Mannschaft, die wie eine Ansammlung von Ich-AGs wirkt, hat offenkundig keinen Mumm. Einen Torschuss feuerte Hoffenheim in der zweiten Halbzeit ab – einen! „Die Jungs wollten“, behauptete Trainermanager Markus Babbel und erkannte eine „Blockade“ und die erneute Unfähigkeit, auf Negativerlebnisse energisch oder trotzig zu reagieren. „Das alte Raster“, sagte Babbel zerknirscht. 13 neue Spieler hat der Trainermanager heuer geholt, 17 verkauft oder ausgeliehen – geblieben ist die lethargische Mentalität, vermisst wird ein erkennbares Spielkonzept, es fehlen echte Kerle mit positiver Körpersprache, Führungspersönlichkeiten.

In der Not bemühte Babbel den Konjunktiv. Hätten Eren Derdiyok und/oder Kevin Volland in den ansehnlichen ersten zwanzig Mi- nuten ihre sehr guten Tormöglichkeiten verwertet, wäre Hoffenheim in Führung gegangen und hätte befreiter aufspielen können. Ja, wenn. So aber gerieten die Sensibelchen in Blau nach dem Eigentor (39. Minute) von Marvin Compper, der Innenverteidiger fälschte einen Schuss von Meier unhaltbar ab, völlig aus der Bahn. Und nach Pirmin Schweglers Kunsttreffer (42.) aus der Distanz wurde es peinlich. Hoffenheim bot nach der Pause eine fürchterliche Vorstellung und schwächelte erst recht wegen zweier Platzverweise. Sejad Salihovic, spät eingewechselt, beging innerhalb von vier Minuten zwei Fouls – und sah Gelb-Rot (70.). Wenig später musste Stephan Schröck aufgrund einer Wiederholungstat vom Rasen stiefeln. Schröck war für Andy Beck auf die rechte Abwehrposition gerückt. Der Ex-Kapitän stand nicht mal im Kader; Beck wurde von Babbel ohne Worte auf die Tribüne geschickt.

Im Kraichgau kriselt und knistert es. Gut, dass sie jetzt Zeit zur Besinnung haben. Wegen Partien in der WM-Qualifikation ruht in der Bundesliga für zwei Wochen der Spielbetrieb. „Ganz froh“, ist Markus Babbel über die Verschnaufpause. Auch er selbst ist aufgrund des Fehlstarts und seiner mäßigen Pflichtspiel-Bilanz in Hoffenheim (vier Siege, fünf Unentschieden, acht Niederlagen) nicht mehr unantastbar. Sollte auch die kommende Aufgabe gegen Freiburg keine Punkte bringen, droht ein bizarres Szenario: Manager Babbel müsste mit dem Trainer Babbel Selbstgespräche führen.

 

 

 

 

Kommentare 

 
+1 #5 Nicki 2012-09-03 23:25
So, als allererstes: Glückwunsch an Marvin Compper zum Nachwuchs!!! Alle Achtung, die Leistung war echt ok, wenn man überlegt unter welchem Druck jemand steht, der weiß, dass er jeden Moment Vater werden kann!!! (er hats ja noch rechtzeitig geschafft ;-) )
So, ansonsten...
-20 Minuten gute Leistung reicht nicht, ein Spiel dauert 90 Minnuten plus das, was der Schiri nachspielen lässt!!!
- Egal wer da vorne im Sturm steht (ob Derdiyok, Schippo oder Joselu - und ja, ich nenne Schippo extra, denn der Junge hat in der Vorbereitung die meisten Tore erzielt!!!!)wen n aus dem Mittelfeld nix kommt, ja was sollen die Jungs denn machen???
- Mein spezieller Freund im Tor... dazu sag ich nicht mehr viel: große Klappe, nix dahinter!!!

Oh ja, ich bin Hoffe-Fan mit Leib und Seele,, ich feuere die Mannschaft an, auch wenn sie 4-0 hinten liegen (anders als andere Leute - ich hoffe, ihr seid alle gut heim gekommen und man sieht sich im Stadion nicht mehr!!!)- abwer bitte!!! Herr Babbel - tun sie was!!! So kanns nicht weiter gehen. Holen sie jemanden, der es schafft, aus den Jungs ein Team zu formen. Teambuilding gabs ja nicht im Trainingslager - von daher wundert mich gar nix.Wenn so viele neue Leute in einer Mannschaft sind, dann MUSS man was in dieser Richtung machen.
Jungs - ihr schafft das, aber nur, wenn euer Trainer mit zieht!!!
 
 
0 #4 Tommy 2012-09-03 17:06
#3 Du solltest dir ernsthaft überlegen nicht mehr in Urlaub zu gehen, sonst wird's nichts mit unserer TSG ;-)
 
 
+17 #3 Volker 2012-09-03 13:55
IM URLAUB 10:1 TORE

Komme gerade aus dem Urlaub und muss kurz folgende Geschichte erzählen:
Am 18. August war ich einer der 160 Deppen, die sich als Hoffe-Fans dieses Spiel antaten. Glücklicherweis e waren wir 4 Tage in Berlin und ich habe das Spiel nur als einen Teil der Reise gesehen. Ich also am Samstagnachmitt ag vom Berliner Hauptbahnhof ins Poststadion. Soll ich nun mein neues Hoffe-Trikot mit „DERDIYOK“-Aufdruck anziehen oder nicht? Ich tat es nicht und fuhr damit ganz gut. Auf dem Fußweg zum Stadion kam ich an einem Knast vorbei und mit mir gingen einige gut biergelaunte Berliner auf der Straße. Ganz geheuer kam mir das nicht vor. Im Stadion angelangt entschied ich mich bei ca. 35 ° Außentemperatur für ein Wasser (zum Durstlöschen) und eine Bier. Wasser war leer, dann nahm ich eine Limo. Das Bier dauerte etwas, da es aus 0,33er Flaschen eingeschenkt wurde.
Die Limo zog die Wespen an, also weg damit, das Bier wurde in Kästen ungekühlt neben dem Schankwagen gelagert und hatte in etwa die gleiche Temperatur wie die Luft… Fing also schon gut an. Die Hoffe-Fans, die da waren, waren anscheinend fast alle mit dem Bus gekommen. 8 h hin, 8 h zurück und zwischendurch eine Vorstellung, die angeführt von dem „Weltklassetorh üter“ Tim Wiese, wohl von der 2. Mannschaft viel besser geführt worden wäre als von der Truppe, die dort am Werke war. Anscheinend wollte man „im Vorbeigehen“ eine Mannschaft besiegen, die motiviert bis in die Haarspitzen war. Allein im Stadionheft war zu lesen „WIR WARTEN AUF BABBEL“. Man hat diese unterschiedlich e Einstellung wirklich gefühlt im Stadion. Die Weißen sind gelaufen wie die Hasen, unsere meinten wohl noch nach dem 0:2 sie könnten die Sache im Vorbeigehen mitnehmen. Mein Banknachbar sagte am Handy zu seinem Telefonpartner: “Das ist das Spiel des Jahrhunderts!“ Wie Recht er doch hatte! Das Spiel selbst war interessant. Die Berliner sind immer weiter nach vorne gegangen. Als unser „Weltklassetorh üter“ dann noch in den Rasen trat beim Abstoß hatte er auch noch die Berliner Fans im Rücken, die ihn mit Chören wie „Achtung Wiese der Ball kommt!“ unterstützten. Wiese verhielt sich unprofessionell , wenn man ihm sein Förmchen wegnimmt ist er beleidigt. Es war gut, dass ich mein Trikot im Hotel ließ.

Die nächste Story war am Sa., 25.08.12 als ich im Urlaub auf Borkum in eine Kneipe ging um mir das Spiel gegen Gladbach anzusehen. Mein DERDIYOK-Trikot hatte ich an, ich hätte es besser auch im Schrank gelassen.

Gestern dann die richtige Entscheidung, den Urlaub bis Sonntag zu machen und nicht schon vorher nach Sinsheim zum Spiel gegen Frankfurt zu fahren. Bei der 0:4-Nachricht habe ich an einen Spaß der Kinder gedacht, da wir auf der Fähre nur SMS-Kontakt hatten.

Meiner Meinung nach ist vieles eine Sache der Motivation:
- Warum werden viele ältere Spieler verpflichtet, die relativ schwierig zu führen sind (z. B. Wiese, Delpierre, Chris …)?
- als Signal an die Nachwuchsspiele r ist dies eher demotivierend
- auch an etablierte Spieler wie Salihovic wirkt dies eher kontraproduktiv , er wäre viel besser als Kapitän geeignet als einer der recht schnell beleidigt ist
- der Trainer hat Schwierigkeiten mit der Mannschaft (Motivation, Akzeptanz…)
- Spieler die schwierig zu führen sind, sollten besser bei Leuten wie Schaaf oder Stevens spielen, vor denen haben sie mehr Achtung (siehe Arnautovic oder Jones)
- Warum wird bei einem Rückstand nicht mit 2 Stürmern gespielt? Und zwar mit richtigen Stürmern und nicht mit Schipplock.
In drei Wochen gehe ich trotzdem wieder hin…
 
 
-5 #2 mic 2012-09-03 11:00
Das ist ein bitterer Start, aber die ersten 20 Minuten haben mir sehr gut gefallen. Ich hoffe das Team kann so eine Leistung mal über 90 min zeigen. Ich würde an Babbel festhalten, da seine Handschrift in diesen 20 min deutlich zu erkennen war. Aber jetzt müssen Punkte her!!!
 
 
+44 #1 Heihei 2012-09-03 10:36
Zu den Pannen passt noch der ungeheuerliche Vorgang der Einblendung der Blitztabelle !
Auf welchem anderen Bundesligaplatz motiviert man die Gastmannschaft, indem anzeigt wird dass man gerade Tabellenführer ist? Während die eigene Mannschaft als Tabellenvorletz ter dahin krebst! Das ist dilletantisch und unproffesionell . Leider passtes zum derzeitigen Zustand der TSG.
 

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