Im Stolperschritt
Geschrieben von: Achim Wittich   
Montag, den 27. August 2012 um 09:16 Uhr

BallundBeine-02Zum Saisonstart verliert 1899 Hoffenheim durch zwei Standardsituationen 1:2 in Mönchengladbach

 

Aufgestanden, aber immer noch tapsig unterwegs. 1899 Hoffenheim hat nach dem Pokal-Debakel auch beim Saisonstart der Fußball-Bundesliga gepatzt. Das 1:2 (0:1) nach 90 nur selten unterhaltsamen Minuten im Gladbacher Borussen-Park war dabei genauso unglücklich wie unnötig. Zwei Standardsituationen der Fohlenelf brach den Berlin-Versagern das Genick.

„Die Jungs tun mir leid. Sie sind für ihren großen Aufwand nicht belohnt worden“, fand 1899-Trainer Markus Babbel nachher. Wir erheben keinen Widerspruch. Doch seine Profis müssen sich an die eigene Nase fassen. Denn der Champions-League-Qualifikant vom Niederrhein war diesmal kein Königstiger, eher ein zahmes Kätzchen.

Entschieden wurde der zähe Kick, der nur zum Ende hin die 50.146 Fans in Wallung versetzt, innerhalb von 120 Sekunden. 1:1 stand’s, als Kapitän Tim Wiese prächtig gegen Gladbachs Havard Nordveit parierte. Ein paar Augenblicke später vergab Eren Derdiyok – allein auf weiter Flur – die Hoffenheimer Führung. Während der Ex-Leverkusener noch mit sich haderte, musste 70 Meter weiter hinten Kollege Marvin Compper in höchster Not den Schweizer Granit Xhaka direkt an der eigenen Strafraummarkierung bremsen. Die Ampel sprang auf Alarmstufe Rot für Wiese – und im Nu auf Grün für die Schwarz-Weiß-Grünen. Juan Arango zirkelte den Freistoß über die Mauer mit links ins rechte Toreck (79.) – Maßarbeit! Aber hätte Wiese den nicht haben müssen?

Jetzt suchten die Kraichgauer den offenen Schlagabtausch. Mehr als ein Treffer durch Firmino in der 66. Minute zum 1:1-Ausgleich war an diesem Tag aber nicht drin, nachdem Hanke in der 33. Minute ein gewonnenes Kopfballduell gegen Beck zur VfL-Führung genutzt hatte. Hoffenheims Außenverteidiger hatte selbst den Freistoß – an Xhaka! – verursacht. Doppeltes Pech. Compper musste in der Schlussminute gar noch einen Schuss von De Camargo von der Torlinie kratzen.

Immerhin gab’s von den mitgereisten Fans in der Kurve tröstenden Applaus für die zuletzt so Geschmähten. Spott war am Samstagabend um kurz vor halb sechs unangebracht. „Wir haben alles auf den Platz gebracht, was letzte Woche nicht da war und haben uns nicht hängen lassen.“ Der nach seiner Pokal-Sperre ins Team zurückgekehrte Marvin Compper war der beste Hoffenheimer und mit sich im Reinen. Doch mit Verlaub: Es war wohl das Mindeste, was die Anhängerschaft nach dem Super Gau in der Bundeshauptstadt erwarten durfte.

Klar: Babbels Spieler ließen ihrem Gegner kaum Raum, gingen aggressiv zu Werke und machten hinten den Laden meist erfolgreich dicht. „Wir haben wenig klare Torchancen gehabt“, musste Babbels Pendant Lucien Favre zugeben. Seine Mönche zeichneten sich durch Abstinenz im TSG-Strafraum aus. Die Ordnung stimmte bei 1899, Borussia leistete sich in der Not teils lächerliche Fehlpässe. Die RNZ verteilt hierfür die Note „gut“.

Tim Wieses Gegenüber Marc-Andreé ter Stegen jedoch langweilte sich ebenfalls ziemlich. „Wir waren in der ersten Halbzeit nach vorne nicht zwingend genug“, sagte Babbel. Ihm blieb bei zwei Schüsschen von Firmino (16./36.) und einem Versuch von Rudy (38.) in Richtung Stadiondach nicht viel anderes übrig. Als „Hoffe“ spät das Visier runterließ, fehlte die Entschlossenheit. „Wir hätten nach dem 1:1 ein weiteres Tor machen müssen“, ärgerte sich Fabian Johnson. Gladbach war abgezockter. Auffällig, dass vor allem Derdiyok neben sich stand und trotz seiner Beteiligung an Firminos Treffer schwächster Hoffenheimer war. Dafür gibt’s ein „mangelhaft“.

Babbel ließ (noch) mildernde Umstände walten: „Er hat gut dazu beigetragen, dass wir Chancen erarbeitet haben.“ Das wiederum darf man getrost als verbale Aufbaumaßnahme verstehen. Babbels Problem: Für Derdiyok als zentralen Angreifer gibt es keine adäquate Alternative. Madrids Sechs-Millionen- Mann Joselu (22) stand nicht einmal im 18er-Aufgebot (siehe Seite 2). Letztlich trösteten auch die Worte des neuen Spielführers nicht. „Hier werden noch einige stolpern, Gladbach ist nicht umsonst in der Champions League-Qualifikation“, meinte Tim Wiese und redete die Borussen stärker, als sie in Wirklichkeit waren. Jetzt fahren die munteren Aufsteiger aus Frankfurt mit viel Rückenwind nach Sinsheim. Im Stolperschritt sind die Hessen kaum zu schlagen. 

 

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